Allergietest – als Kassenleistung „mit nehmen“ oder „selbst zahlen“ und besser diagnostiziert werden?

3 Kommentare Publiziert am von Martin S.

Deutschland hat ein weit fortgeschrittenes medizinisches System. Die Versorgung ist vergleichsweise erstklassig, die Zahl der Spezialisten in freier Praxis beachtlich.
Auf den ersten Blick eine hervorragende Situation, außer …

Außer man hat eine komplexe Erkrankung, die mehrere fachliche Disziplinen berührt. Allergie oder eine Unterverträglichkeit auf Nahrungsmittel ist hier ein gutes Beispiel.

Jede Arztpraxis ist ein Wirtschaftsbetrieb. Der Arzt und die Mitarbeiter müssen bezahlt werden, aufgrund der langen, oft entbehrungseichen Ausbildungszeit und großen Verantwortung, durchaus auch sehr gut. Umgekehrt sind die Kostenträger Wächter, dass Gelder nicht unkontrolliert verbraucht werden. Jede Arztgruppe hat daher abgestimmte Therapieleitlinien; wer sich daran hält, ist auf der sicheren Seite. Ein Facharzt muss genau seine Grenzen kennen und immer dann zum nächsten Kollegen überweisen wenn eine andere Fachdisziplin berührt wird.
Somit ist nur der Hausarzt oder der Heilpraktiker als Weichensteller wirklich übergreifend aktiv. Der Hausarzt kann sich aber in viele komplexe Krankheitsbilder nicht so intensiv einarbeiteten und ihm stehen auch nur begrenzte Abrechnungs-möglichkeiten zur Verfügung. Das führt dazu, dass so mancher Patient entweder eine mehrstufige Reise antreten muss, um mit einer komplexen Erkrankung ausreichend diagnostiziert und dann therapiert zu werden. Alternativ wird die Diagnostik nicht wirklich umfassend durchgeführt, weil die Abrechnungs-möglichkeiten limitiert sind oder (warum auch immer) nicht zur Abklärung weiter überwiesen wird.

Der Patient mit einer Allergie hat in Deutschland nur vermeintlich einen „Spezialisten“, der ihm umfassend helfen kann, den Allergologen. Aber das ist tatsächlich gar kein richtiger Facharzt, sondern eine Zusatzbezeichnung, die verschiedene Fachgruppen, z.B. in Wochenendseminaren erwerben können. Der Qualität dieser Zusatzausbildung ist also sehr unterschiedlich und knüpft an die Grundausbildung des Arztes, meist Dermatologe, Pulmologe oder Hals-Nasen-Ohrenarzt an. Erstaunlicherweise gibt es sehr wenige Gastroenterologen, die sich mit der Thematik beschäftigen, obwohl doch der Darm ein wichtiger Kontaktort der Allergene mit dem Immunsystem ist.

Erkrankungen, die im Zusammenhang mit einer unerwünschte Reaktion auf Nahrungsmittel stehen, sind vielfältig. Häufig ist das Immunsystem beteiligt, aber bei weitem nicht immer. Ein Enzymmangel, einseitige Ernährung, eine chronische Darmerkrankung oder zu häufiger Gebrauch von Antibiotika können grundlegende Störungen auslösen.
Umstritten ist auch, wie es eigentlich zur Allergie kommt und was man tun sollte, um langfristig eine Besserung zu erzielen. Nur über eines herrscht Klarheit – die Zahl dieser Erkrankungen nimmt zu und die Schulmedizin kann keine wirkliche „Heilung“ anbieten.
Einig ist man sich zumindest darüber, dass der Betroffene wissen sollte, worauf der Körper reagiert, um dann diese Nahrungsmittel gezielt zu meiden oder, falls das nicht möglich ist vorzubeugen und ggf. Notfallmedikation bereit zu halten. Die Zahl der zu prüfenden Auslöser ist sehr umfassend und das passt nicht wirklich zu den vorhandenen „attraktiven“ Abrechnungssystemen. Für den pro Quartal abrechenbaren Betrag, wird der Arzt in der Regel nur einen Teil der möglichen Auslöser testen. Dann ist das Budget für diesen Patienten erschöpft. Macht der Arzt mehr, muss er die Kosten selber tragen oder an den Patient weiter geben. Aufgrund der fachlichen Bindung fehlt manchmal auch der Blick in die Nachbardisziplin oder es gibt eine schlechte Kommunikation zwischen den Fachärzten, so dass die Diagnostik an einem bestimmten Punkt stecken bleibt.

Was sind die Optionen, wenn es um einen klassischen Allergietest geht?
Bestimmt wird die Immunreaktion des Körpers auf einen potentiell auslösenden Stoff, indem entweder nach Antikörpern im Blut gesucht oder die Immunzellen der Haut über einpieksen (Pricken) direkt mit einer verdünnten Lösung in Kontakt gebracht werden und dann geschaut wird, ob Quaddeln oder rote Höfe rund um die Einstichstelle entstehen. Gemessen wird in beiden Fällen nicht, ob tatsächlich eine Allergie besteht, sondern vielmehr, die hoch die Bereitschaft zur Allergie ist. Das erfordert ein ergänzendes, intensives Arzt-Patienten Gespräch (Anamnese), für das mitunter keine ausreichende Zeit ist.
Der Pricktest ist für den entsprechend ausgerüsteten Arzt am attraktivsten, da er „pro Pieks“ abrechen kann und das relativ gut bezahlt wird. Allerdings wird immer mehr in Zweifel gestellt, welche Aussagekraft dieser Prick-Test tatsächlich in komplexen Fällen hat.

Der Labortest auf einzelne Allergene ist dagegen eine „durchgereichte Leistung“ an der ein Arzt nicht mit verdienen darf. Sie ist auch in der Zahl der pro Quartal möglichen Tests beschränkt, was wenig sinnvoll ist, wenn man nicht schon vorher sehr genau weiß, was der Auslöser ist.
Eine gute Option für den Überblick sind Suchtests, die wirklich eine relevante Zahl von Allergenen aus einmal testen, so dass in der Regel klar wird:

  • Ob es sich um eine klassische Allergie handelt?
  • Wenn ja, welche der 95% häufigsten Auslöser vom eigenen Körper erkannt werden.
  • Wie man durch „Vermeiden“ selbst eingreifen kann, um das Immunsystem zu beruhigen.

Hier für gibt es eigene Abrechnungsmöglichkeiten, mit denen der Arzt 12 oder 20 parallele Tests durchführen kann. Fragt man einen Spezialisten, so sind mit 20 Tests tatsächlich die häufigsten Auslöser, entweder der Nahrungsmittelallergene oder der „Luft“-Allergene (Pollen, Haare, Sporen, …) abgedeckt. So eine Test – alternativ auf Luftallergene oder Nahrungsmittel – kostet beim Arzt etwa EUR 60,-. Hinzu kommt das allgemeine Arzthonorar, falls das nicht die Kasse trägt. Wer sich umfassend testen möchte, sollte beides kombinieren. Das macht vor allem deswegen Sinn, weil es häufig Kreuzreaktionen gibt zwischen Inhalations- und Nahrungsmittelallergenen gibt.
Für diese Art von Tests werden technisch nur geringe Mengen Blut benötigt. Die kann sich im Prinzip jeder selbst durch Anpieksen der Fingerkuppe entnehmen. Diese Tests werden direkt in Arztpraxen oder auch in Apotheken durchgeführt. Weiter gibt es spezialisierte Labore, die hierfür Kits anbieten, die für die Eigenanwendung zugelassen sind. Der Test wird im Internet bestellt oder in der Apotheke gekauft. Die Probe kommt wird in einem speziellen, ebenfalls für diesen Zweck zugelassenen Umschlag mit normaler Post an das Fachlabor geschickt.

Man erhält ein ausführliches Profil, oft mit Hinweisen, was man tun kann, um die Stoffe gegen die besonders hohe Antikörpertiter gemessen werden, zu meiden oder zu ersetzen. Das geht weit über das hinaus, was ein Arzt in seiner „getakteten“ Zeit vermitteln kann. Und sollte das nicht reichen, hilft der Email- oder Telefonservice des Labors, der Apotheker oder Ernährungsberater weiter.

Autor: Dr. Lars von Olleschik




3 Bewertungen für Allergietest – als Kassenleistung „mit nehmen“ oder „selbst zahlen“ und besser diagnostiziert werden? .

  1. G. Steinbach sagt:

    Ziemlich am Thema vorbei.
    Es fehlt völlig der Hinweis auf Typ 3 und 4 – Allergien.
    Diese Tests muss der – meist durch chronische Krankheit verarmte – Patient selber bezahlen. Er muss aber auch erst mal einen Arzt finden, der das überhaupt macht. Es gibt so fade Ausreden wie: „ist schulmedizinisch nicht anerkannt“, das ist aber eine glatte Lüge. Man lese T. Merz Buch: „Umweltkrank, wissenschaftlich anerkannt, aber rechtlich ausgegrenzt“.
    Ich selbst bin „umweltkrank“, chronisch erschöpft, in Rente, chronische Schmerzen, chronisch der Darm kaputt, alles chronisch, geht nicht mehr weg, wird immer schlimmer, und kann nur noch ca 4 Lebensmittel essen. Allergologen sind mit „sowas“ überfordert, es kommen blöde Ausreden wie „Sie können alles essen“ (darf ich mal laut lachen?), und andere Ärzte, die für „sowas“ zuständig sind, gibt es nicht. Die Allergie-Amublanzen sind Monate hinaus zu, keine Termine zu bekommen. Ich habe seit einem dreiviertel Jahr noch zusätzlich (man gönnt sich ja sonst nichts) starken Juckreiz, bei dem mir KEIN Arzt hilft. Gleichzeitig werd ich immer schwächer. Ja, der Fehler liegt im Darm, ist entzündet, ich weiß nicht was ich essen soll, die Reaktionen kommen sehr spät bei mir und halten tagelang an, wie soll ich rausfinden, was ich essen kann. Eine damals noch vorhandene Ärztin (hat leider die Praxis geschlossen) hat zumindest Glutenunverträglichkeit und Kuhmilchallergie rausgefunden. Es werden aber immer mehr.
    Ärzte sollen doch helfen? Warum tun Sie das nicht.
    Ich habe chronische Erschöpfung, chronische Schlafstörungen, chronische Histaminintoleranz, alles ist chronisch, alles wird schlimmer, aber Ärzte ignorieren so etwas! Wie kann das sein? Kommen Sie mir nicht mit Ihren albernen Pricktests, die lehne ich ab, seitdem ich weiß, was das für ein Unsinn ist!
    Grußlos, G. Steinbach

    ps dieser Text erscheint auch auf meiner Webseite, er geht nicht verloren, ich werde hier mal von Zeit zu Zeit nachsehen, ob auch so etwas ignoriert wird. Von den typischen Betroffenheitsaussagen wie „ich kenne einen guten Allergologen“, bitte ich abzusehen, ich glaube Ihnen nicht mehr.

    • Sigrid Mechau sagt:

      Sehr geerte!R @steinbach,
      das klingt sehr fürchterlich. Auf Autoimmunerkrankungen wurden Sie bestimmt schon untersucht!? Ich wurde von dem starken Jucken durch ein Medikament befreit. (Ursodeoxycholsäure)
      Die Ambulanz, die das bei mir festgestellt hat wurde aber mitlerweile in dem Krankenhaus geschlossen, weil die Kassen die Untersuchungen in einer Spezialambulanz, die an einem Krankenhaus angeschlossen war und umfangreiche fachübergreifende Untersuchungen zu machen in der Lage war, nicht mehr finanzieren durfte.

  2. j s sagt:

    Lieber Herr Dr. Olleschik,
    vielen Dank für diesen hilfreichen Überblick. Genau nach diesen Informationen habe ich für einen ersten Überblick in das Thema gesucht.

    @ steinbach: alles Gute

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